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Eine junge „Ostlerin“ auf Entdeckertour
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Irgendwann hat man halt keine Lust mehr. Mir ging‘s jedenfalls so. Am Ende der zwölf Jahre hing mir das System Schule mehr als zum Hals raus. Der Sinn des Ganzen hatte sich mir entzogen, vor allem da das meiste Gelernte am nächsten Tag schon wieder durch andere, ebenfalls sehr kurzlebige Fakten ersetzt wurde. Also war ich mehr als glücklich endlich Licht am Ende des Tunnels zu sehen: Abitur. Noch ein letztes Mal etwas Mühe geben und dann war‘s das erstmal. Leider war das dann doch nicht so einfach. Bald kamen Fragen wie „Was machst du eigentlich nach dem Abi?“ und „Was sind deine Pläne?“. Als einzige Antwort „Keine Ahnung“ zu haben half leider auch nicht die Fragerei zu stoppen, also fing ich kurzer Hand an mit „Ein Jahr work-and-travel in Neuseeland“
zu antworten. So wirklich viele Gedanken hatte ich mir dazu nicht gemacht, nur, dass raus aus dem immer selben Trott und endlich mal was erleben doch nett wäre. Und ehe ich mich versah hatten sich zwei Freundinnen angeschlossen und wir hockten im Flieger nach Auckland.

 

Eine junge „Ostlerin“ auf Entdeckertour bei den Antipoden Kaum dort angekommen wurde unserer Abenteuerlust schnell ein Dämpfer aufgesetzt. Klar ist es in einem neuen Land mit einer anderen
Sprache und Kultur am Anfang immer schwer, darauf hatten wir uns eingestellt. Nur nicht darauf,
dass halb Deutschland mit uns nach Neuseeland gekommen war. Alle Hostels waren von deutschen
Backpackern überrannt, die meistensn Deutsch sprachen, deutsches Essennkochten und insgesamt sehr Deutsch lebten. Wozu waren wir überhaupt in ein anderes Land gefahren? Spätestens als wir einen ehemaligen Klassenkameraden per Zufall auf der Straße trafen, wurde uns klar:

 

Es musste sich was ändern. Wir hatten eine Bustour angefangen, um etwas mehr vom Land zu
sehen, aber außer dem typischen Touristeneinheitsbrei hatte die Tour nicht viel zu bieten. Außer
andere deutsche Mitreisende.

 

Endlich Abenteuer

Also kauften wir uns ein Auto und fingen auf eigene Faust an, das Land außerhalb der großen Touristenplätze zu erkunden. Da Neuseeland insgesamt nicht so groß ist, trifft man auch auf den Campingplätzen noch haufenweise andere Backpacker, aber die Stimmung ist komplett anders. Und auch wenn es recht eng ist zu dritt in einem Siebensitzer zu schlafen, haben wir es alle drei genossen, endlich so etwas Ähnliches wie ein eigenes Reich zu besitzen, da der ständige Wechsel in den Hostels auf Dauer anstrengend wird. Und auch wenn es richtig viel Spaß gemacht
hat Neuseeland endlich so zu bereisen, wie wir es uns ursprünglich vorgestellt hatten, mit Baden unter Wasserfällen, Sonnenuntergang direkt am Meer und kompletter Entscheidungsfreiheit, war das Beste daran: wir trafen endlich Einheimische! Auf einem Campingplatz hatten wir angefangen mit zwei Fischern zu reden. Wir verstanden uns super und sie luden uns spontan zu ihrem Strandhaus in der Nähe ein. Wir dachten, sie meinten wir könnten in unserem Auto vor ihrem Haus
campen und so die Campingkosten sparen. Als wir dort ankamen drückte uns dann der Hausbesitzer den Schlüssel in die Hand, sagte, wir könnten alles essen und sollten doch bitte hinter uns absperren.

 

Und schon fuhren sie weiter nach Hause. Von da an blieben wir in Kontakt und besuchten auf unserer Fahrt durchs Land viele ihrer Freunde und lernten so endlich wirklich Kiwis(=Neuseeländer) und deren Lebensstil kennen. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich daran  gewöhnt,bei Wildfremden auf der Matte zu stehen, und im Austausch für etwas Hilfe in Haus und Hof Essen und Unterkunft zu bekommen. Arbeit im Austausch gegen Unterkunft und Verpflegung Darauf beruht in Neuseeland ein ganzer Arbeitsmarkt: work for food and accomodation. Das habe ich den Großteil des Jahres gemacht, wenn wir nicht mit unserem Auto gereist sind. Die Meinungen scheiden sich über diese Form der Arbeit, da es leicht vorkommen kann, dass man als extrem billige Arbeitskraft eher ausgenutzt wird, als dass man wirklich mit der Familie mit lebt.

 

Da viele der „Arbeitgeber“ ständig wechselnde Hilfskräfte in ihrer Familie haben, bringen sie kaum
noch Interesse für die immer gleichen Geschichten ( besonders oft Deutsche und gerade fertig mit
Abi…) auf. Ich empfand meine Zeit, die ich so verbracht habe, allerdings als beste des ganzen Jahres. Ein paar der Plätze, bei denen ich gearbeitet habe, waren zwar nicht die besten,
aber ich hatte immer Spaß und konnte viele neue Dinge probieren. Die meisten fand ich aber einfach nur genial. Ich konnte helfen Schafe zu scheren, sie auf dem Highway zu treiben, Lämmer mit der Flasche groß zu ziehen, Bogenschießen, als Pizzabäckerin arbeiten, auf Kinder aufpassen, bin mit Quadbikes über  die Farm gefahren, konnte in einem Helikopter mitfliegen, war jagen.

 

Ein Platz zum Bleiben und vor allem hab ich ein Zuhause gefunden. Am nördlichsten Zipfel der
Südinsel, zwei Stunden mit dem Boot von der nächsten Stadt entfernt, liegt eine Lodge am Ende der Welt. Berge hinter dem Haus und das türkisfarbene Meer direkt davor: die Lodge bietet die schönste Landschaft und  Unmengen von Aktivitäten, die man sowohl in seiner Freizeit als auch bei
der Arbeit machen kann. Wir haben  natürlich beim Putzen, Betten machen und Kochen geholfen, haben  aber auch als Guides die Besucher herum geführt und bei allem mitgemacht, was man an einem Platz so weit weg von der Zivilisation eben tun muss. Wir haben geholfen das Boot und den Jeep zu reparieren, eine Telefonleitung und Wanderwege anzulegen, die Lebensmittel vom
Lieferboot auf unseres zu verladen, die Wege begehbar zu halten, und die neuseeländischen Pflanzen und Tiere durch Pestcontrol zu schützen. Das Beste dort war jedoch unsere
Hostfamilie, die uns wirklich in ihren Kreis aufgenommen und wie  Enkel behandelt hat. Ich habe dort so viel gelernt, dass ich befürchte, damit den letzten Rest an Schulwissen
vernichtet zu haben ;)


Für mich war das Jahr einfach unglaublich gut, und ich kann es kaum erwarten wieder unterwegs zu sein.

autor-squareHanna Liebl